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Nur noch kurz die Welt retten

News   -  12. Juli 2019

Ein Interview zum Thema Nachhaltigkeit mit Prof. Dr. Torsten Weber

Die Fridays for Future Demonstrationen haben in Deutschland eine Diskussion zu nachhaltiger Klimapolitik angestoßen. Auch in Mainz und Umgebung beschäftigen sich Schüler/innen mit dem Thema. Im Gespräch mit Prof. Dr. Weber, Professor für Nachhaltigkeitsmanagement und Marketing an der European Management School (EMS) in Mainz, wollten wir wissen, wer wann wie die Welt retten kann und was das alles mit Nachhaltigkeit zu tun hat.

Prof. Dr. Weber, Nachhaltigkeit ist in aller Munde und auch in den Medien zurzeit sehr präsent. Wie wird der Begriff wissenschaftlich definiert?

Prof. Dr. Torsten Weber

Es handelt sich um einen komplexen Begriff mit verschiedenen Dimensionen. Am besten lässt sich nachhaltiges Handeln in drei Bereiche einteilen: Ökonomisch, sozial und ökologisch. Die ökologische Komponente wird momentan aufgrund von Klimaaktivistinnen und -aktivisten wie Greta Thunberg sehr stark diskutiert. Die ökonomische und soziale Dimension wird in meinen Fachbereichen an der EMS allerdings inhaltlich auch vorangetrieben. Insgesamt geht es beim Thema Nachhaltigkeit um die langfristige Erhaltung von Ressourcen, um deren Nutzung für künftige Generationen sicherzustellen. In einem weiter gefassten Nachhaltigkeitsbegriff kann beispielsweise auch die kulturelle Dimension noch eine Rolle spielen.

Viele behaupten, „wenn wir jetzt nichts tun, dann ist es zu spät“. Das Jahr 2019 wird in diesem Zusammenhang als eine Art Zäsur oder Zeitenwende gesehen. Worauf bezieht sich diese Aussage? Gibt es diesen einen Wendepunkt in der Klimapolitik?

Die Aussage bezieht sich konkret auf die Erderwärmung, also auf die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit. Sie nimmt Bezug auf das Pariser Klimaabkommen, nach dem die UN-Mitgliedsstaaten die Erderwärmung auf unter 1,5 – 2 Grad begrenzen sowie die Treibhausgase dauerhaft senken möchten. Ich denke nicht, dass das Jahr 2019 dabei wirklich als ein drastisches Jahr in die Geschichte eingehen wird. Auch spätere Maßnahmen können zu Erfolgen führen. Aber die schnelle Klimaerwärmung durch Menschenhand ist ein Fakt, den 97% der Forscher/innen weltweit anerkennen. Zusätzlich ist es faktisch so, dass die Erderwärmung nicht sinkt sondern seit Jahren stetig ansteigt. Es ist daher jetzt besonders wichtig und zurzeit auch noch möglich, ökologische Veränderungen so sozial und wirtschaftlich verträglich wie möglich umzusetzen. Das Problem bei der Umsetzung ist der „high emitter“ der westlichen Welt. Der bequeme, einfache Lebensstil der westlichen Welt trägt nicht dazu bei, den produzierten Treibhausausstoß in gleichem Maße zu kompensieren.

Ist nachhaltiges Handeln demnach in vielen Bereichen eine Frage der Bequemlichkeit oder von aktuell verfügbaren Alternativen?

Das greift sicher ineinander. Die Bequemlichkeit der Konsumenten/innen spielt eine große Rolle, aber auch Unternehmen bzw. die Politik sind da in der Pflicht, entsprechende Alternativen anzubieten. Abgesehen von solchen Angeboten sind Konsumenten/innen aber immer mündige Bürger/innen, die selbst entscheiden können, wie sie leben möchten.

„Ich finde es wichtig, dass wir, es um die Frage der Verantwortung geht, immer auf uns selbst schauen und unser eigenes Handeln hinterfragen“.

„There is no planet B“, ist eine Parole der Fridays for Future Bewegung, die das Thema Nachhaltigkeit europaweit an die Schulen gebracht hat. Sie halten in diesem Rahmen seit einigen Wochen gemeinsam mit Kollegen der EMS Fakultät Vorträge an Schulen im Rhein-Main Gebiet. Was ist Ihr bisheriger Eindruck von den Schülerinnen und Schülern? Welche Fragen bestehen in diesem Bereich und wie können Sie da unterstützen?

Die Schüler/innen sind in der Regel für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert und sehen ihre eigene Rolle und damit auch ihre eigene Verantwortung in diesem Bereich. Allerdings bedeutet Nachhaltigkeit für die meisten nur Klimaschutz, deswegen ist es wichtig, dass wir das Thema in diesen Vorträgen sehr breit darstellen und zeigen, dass alles mit allem zusammenhängt. Ich finde es gut, dass die Demonstrationen das Interesse von vielen geweckt haben und die Schüler/innen sich aktiv engagieren. Was das Faktenwissen angeht gibt es allerdings noch viel Nachholbedarf.

Hier versuchen wir, mit Statistiken und konkreten Beispielen aus verschiedenen Lebensbereichen aufzuzeigen, wie Nachhaltigkeit beim Thema Mobilität, Konsum oder Plastikverschmutzung aussehen kann. Zusätzlich ist es mir sehr wichtig, dass wir die internationale Komponente der Nachhaltigkeit betonen. Nachhaltigkeit ist kein nationales Thema, sie ist ein globales Thema. Die Frage ist doch, warum in Indien hundert neue Kohlekraftwerke gebaut werden oder warum China so einen hohen Emissionsverbrauch hat.

Sie haben an der EMS zwei Fachbereiche – Nachhaltigkeitsmanagement und Marketing. Sind diese beiden Themengebiete nicht widersprüchlich? Wie verbinden Sie beide Fächer miteinander?

Einerseits ist klar, dass es kein unendliches Wachstum und keine unendliche Vermarktung geben wird. Die endlichen Ressourcen sind irgendwann aufgebraucht. Andererseits ist es so, dass Marketing für nachhaltige Produkte durch diesen Trend immer wichtiger wird. In meiner Forschung geht es aktuell tatsächlich darum, beide Themengebiete zu verknüpfen. Wie schaffe ich es, Produkte zu entwickeln und zu vermarkten, die nachhaltig(er) sind? Zusätzlich ist es so, dass Unternehmen, die nachhaltig(er) wirtschaften als andere, dieses Engagement nach außen kommunizieren und vermarkten müssen. Frei nach dem Motto: „Tu Gutes und rede darüber“ – Das finde ich auch absolut legitim. Wenn wir es schaffen, nachhaltigere Produkte besser für ein breites Zielpublikum zu vermarkten und zu streuen, werden dadurch konventionelle, weniger nachhaltige, eventuell umweltschädigende Produkte nach und nach ersetzt oder vom Markt verdrängt. Das ist dann auch ein Hebel der Gesellschaft, um nachhaltiger zu handeln.

Können Sie Beispiele für nachhaltige Unternehmen oder Start-Ups nennen?

Da könnte ich hunderte Beispiele nennen, wo das schon sehr gut funktioniert. Im Textilbereich gibt es beispielsweise das Label ARMEDANGELS, das es geschafft hat faire Kleidung cool zu machen. Hier wird dem nachhaltigen Produkt ein zusätzlicher Mehrwert zugeschrieben: Ein cooler, lässiger Lifestyle, der mit dem Tragen der ARMEDANGELS Produkte einhergeht. Man darf dabei nicht vergessen, dass Nachhaltigkeit vor 15 Jahren aus der wenig attraktiven „Biolatschen-Öko-Ecke“ kam. Das hat sich mittlerweile durch Unternehmen wie Tesla oder ARMEDANGELS geändert. Meine These war immer: Wenn ein nachhaltiger Lebenswandel cool wird, dann werden nachhaltige Produkte erfolgreich. Das ist ein Trend, den wir in den letzten Jahren beobachten konnten. Wenn wir vor unsere Haustür schauen, sehen wir ein Unternehmen, das auch ein gutes Bespiel ist: Werner & Mertz, die mit ihrer Marke Frosch zu den Ökopionieren in Deutschland gehören und den Job, nachhaltige Produkte anzubieten, schon sehr lange machen und damit wirtschaftlich sehr erfolgreich sind.

Einige Unternehmen nutzen den nachhaltigen Trend auch, um ihre eigenen nicht sehr nachhaltigen Produkte „grüner“ zu vermarkten, als sie sind und betreiben „Greenwashing“.Wie gefährlich ist dieser Trend?

Ich behaupte, dass jedes Unternehmen, was nicht nachhaltig ist, es gerne wäre bzw. sich gerne entsprechend präsentiert. Das bedeutet z. B., eine nicht besonders nachhaltige Kampagne herauszuheben und sie so zu kommunizieren, dass sich das positive, grüne Image auf die gesamte Marke überträgt – das ist natürlich nicht Nachhaltigkeit im Kern. Aber um die Unternehmen mal in Schutz zu nehmen: Immerhin befassen sie sich mit dem ThemaNachhaltigkeit und vielleicht wird aus einer kleinen Kampagne, die heute hochgepusht wird, irgendwann tatsächlich eine große Kampagne und die Nachhaltigkeit im Unternehmen damit vorangetrieben.

Außerdem werden die Unternehmen vor allem zukünftig stärker gezwungen, Rechenschaft über ihr Handeln im Bereich Nachhaltigkeit abzulegen. Die EU-Richtlinie für verpflichtende Nachhaltigkeits-Reportings für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern wurde bereits verabschiedet. Die Schlinge zieht sich dadurch für Unternehmen zu, die nicht nachhaltig sind und eine natürliche Selektion wird folgen. Man sagt, dass sich bereits 25-30% der Konsumenten/innen an nachhaltigen oder ökologischen Aspekten orientieren. Das ist jeder Vierte. Der Trend ist ganz klar steigend. Nicht nachhaltig wirtschaftende Unternehmen werden diese Konsumentengruppe sicher verlieren, das heißt sie müssen zwingend in diesem Bereich investieren.

Wo binden Sie das Thema Nachhaltigkeit aktiv in Ihre Vorlesungen an der EMS mit ein und was raten Sie Studierenden, die sich für dieses Thema besonders interessieren?

Im Studium an der EMS kommt man definitiv in vielen Fachbereichen mit der Thematik in Berührung. Raten würde ich Interessenten/innen hier vor allem zum Studiengang General Management. Neben einer allgemeinen Management Grundlage bieten die Spezialisierungsfächer hier gute Ansatzpunkte für Sustainability Management. Im Marketingbereich binde ich Nachhaltigkeit besonders in die Fachbereiche Konsumentenverhalten und Markenpolitik (Beispiel: Sozial ökologische Marken) ein. Für die Masterstudierenden in General Management und International Business ist das Fach Corporate Social Responsibility neben Corporate Governance und Change Management besonders wichtig. Hier lernen sie, wie Nachhaltigkeit in verschiedenen Unternehmensbereichen vernetzt umgesetzt werden kann. Auch im Wahlbereich (oder: Business Elective) biete ich hier Kurse zu nachhaltigen Themen an, welche die Studierenden belegen können. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, das Angebot in Zukunft noch auszuweiten.

Wie kann die aktuelle Generation von Schülern/innen und Studierenden heute für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert und in dem Bereich ausgebildet werden, um morgen die „die Welt zu retten“?

Eine Möglichkeit ist die Wissensvermittlung über das Elternhaus und die andere über die staatliche Schulbildung. Das Thema muss daher in die Schulen und es muss in die Universitäten. Und dann sehe ich auch, dass wir uns stark verändern können, da langsam durchsickert, dass alles mit allem zusammenhängt. Für eine langfristige Veränderung ist es enorm wichtig, die Zusammenhänge der verschiedenen Dimensionen der Nachhaltigkeit zu verstehen. Das kommt jetzt langsam, aber das hätte schon viel früher passieren müssen. Wenn das frühzeitig in die Bildungspolitik integriert worden wäre, wären wir heute nicht an diesem kritischen Punkt.

„Wir brauchen Nachhaltigkeit als Schulfach. Die Ausbildung der jungen Generation in diesem Bereich ist sehr wichtig. Wenn nachhaltiges Handeln frühzeitig vermittelt und verstanden wird, ist ein authentischer, langfristig nachhaltiger Lebenswandel auf jeden Fall möglich“.

Kennen Sie Länder, wo das so ähnlich bereits in der Schulpolitik umgesetzt wird?

Die skandinavischen Staaten sind da sehr gut. Norwegen hat zum Beispiel bereits heute alle 17 von der UN festgelegten SDGs in ihre nationale Gesetzgebung miteingebunden. Auch Schweden und Island können uns da als Vorbilder dienen.

Nachhaltigkeit liegt vor allem auch in der Verantwortung jeder/s Einzelnen. Was tun Sie konkret, um einen nachhaltigen Lebensstil umzusetzen?

Diese Frage wird mir tatsächlich häufig gestellt, vor allem bei den Fridays for Future Vorträgen. Perfekt ist da sicher keiner von uns, aber es gibt einzelne Schritte, in unterschiedlichen Lebensbereichen, die ich bereits durchgeführt habe und die ich versuche, weiter zu steigern. Im Bereich Ernährung gelingt mir das durch Einkäufe von regionalen und Fairtrade Produkten auf dem Wochenmarkt oder auf dem Bio-Bauernhof. Auch bei Textilien versuche ich, bestimmte Läden zu meiden und dementsprechend hochwertige, langlebige Kleidung zu kaufen. Im Bereich Mobilität habe ich mir das Ziel gesetzt, mehr öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Insgesamt betrachtet bin ich immer noch ein „high emitter“, aber ich habe schon – wenn ich das berechnen würde – in den letzten Jahren Fortschritte gemacht und daran will ich auch weiter arbeiten.

Wir danken Prof. Dr. Weber ganz herzlich für das Gespräch und seine Denkanstöße zum Thema Nachhaltigkeit.

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